Goraksha-Shataka

Goraksha’s Hundert Sprüche

Goraksha-Shataka ist die ursprünglichste erhaltene Überlieferung des HATHA-YOGA, die zum ersten Mal von G.W. BRIGGS in eine europäische Sprache übersetzt wurde - ins Englische - und zwar in diesem Werk:

GORAKHNAT UND DIE KANPHATA YOGIS von GEORGE WESTON BRIGGS, Professor für Religionsgeschichte, Universitätsautor - BOMBAY, MADRAS UND CALCUTTA 1938.

Goraksha-Shataka ist also die ursprünglichste Schrift, welche die wesentlichsten Grundgedanken des HATHA-YOGA enthält, nun im Original-Text und kompakter deutscher Fassung:

om hatha-yoga-goraksha-shataka-prarambhah | Om - Beginn der hundert Hatha-Yoga-Sprüche von Goraksha

shri-gurum paramanandam vande svananda-vigraham | yasya sannidhya-matrena cid-anandayate tanuh || 1 || 1. Ich verneige mich vor dem ehrwürdigen Guru, der Verkörper- ung der höchsten Glückseligkeit, dessen bloße Anwesenheit zu Bewusstheit und Seligkeit (cid-ananda) führt. antar-nishchalitatma-dipa-kalikasv adhara-bandhadibhir yo yogi yuga-kalpa-kala-kalanat tattvena jegiyate | jnanamoda-mahodadhih samabhavad yatradi-nathah svayam vyaktavyakta-gunadhikam tam anisham shri-mina-natham bhaje || 2 || 2. Ich verehre Sri Minanatha (= MATSYENDRA ?), der aufgrund (seiner) Praxis von Adhara-Bandha (Mula-Bandha und den anderen Techniken) im Glanz seiner inneren Energie erstrahlt und hoch gelobt wird als ein Yogi und als ein Wesen jenseits der Natur (Gunas) und der Zeit (Yugas und Kalpas), in der der urzeitliche Herr selbst (SHIVA), der Ozean der Glückseligkeit und des Wissens, Gestalt annahm. namas-kritya gurum bhaktya goraksho jnanam uttamam | abhishtam yoginam brute paramananda-karakam || 3 || 3. Nachdem Gorakhsa seinen Guru mit Hingabe verehrt hat, beschreibt er das von den Yogis gewünschte höchste Wissen, das zum höchsten Glück führt.

gorakshah shatakam vakti yoginam hita-kamyaya | dhruvam yasyavabodhena jayate paramam padam || 4 || 4. Mit der Absicht, dem Wohle der Yogis zu nützen, proklamiert nun Goraksha Hundert Sprüche, durch deren Kenntnis der höchste Zustand erreicht wird. etad vimukti-sopanam etat kalasya vanchanam | yad vyavrittam mano bhogad asaktam paramatmani || 5 || 5. Dies ist eine Leiter zur Befreiung, weil der Geist von einschränkenden Sinneserfahrungen abgewandt wird und so Zeitlosigkeit (kalasya) erreicht wird. dvija-sevita-shakhasya shruti-kalpa-taroh phalam | shamanam bhava-tapasya yogam bhajata sattamah || 6 || 6. Begnadete Menschen üben den Leid überwindenden Yoga, die Frucht des Wunderbaumes der heiligen Überlieferung, an dessen Zweige sich schlaue Vögel laben. asanam prana-samrodhah pratyaharash cha dharana | dhyanam samadhir etani yogangani vadanti shat || 7 || 7. Körperstellung, Atemkontrolle, Zurückziehung, Konzentration, Meditation und der Zustand der Sammlung - das sind die sechs Glieder des Yoga.

Asanas

asanani cha tavanti yavatyo jiva-jatayah | etesham akhilan bhedan vijanati maheshvarah || 8 || 8. (Es gibt) so viele Stellungen wie es Arten von Lebewesen gibt; alle Details kennt nur SHIVA (Maheshvara). catur-ashiti-lakshanam ekaikam samudahritam | tatah shivena pithānām shodashonam shatam kritam || 9 || 9. (Den verschiedenen Arten von Lebewesen entsprechen) 8 400 000 Stellungen; stellvertretend dafür wurden von SHIVA vierundachtzig auserwählt. asanebhyah samastebhyo dvayam eva vishishyate | ekam siddhasanam tatra dvitiyam kamalasanam || 10 || 10. Aus diesen (vierundachtzig) Haltungen wurden folgende zwei besonders hervorgehoben: die erste ist Siddhasana, die zweite ist Kamalasana (= Padmasana). yoni-sthanakam anghri-mula-ghatitam kritva dridham vinyasen medhre padam athaikam eva niyatam kritva samam vigraham | sthanuh samyamitendriyo'chala-drisha pashyan bhruvor antaram etan moksha-kapata-bheda-janakam siddhasanam prochyate ||11|| 11. Der Yogi sollte die Ferse des (linken) Fußes gegen das Perine- um drücken, den rechten Fuß darüber legen und den Körper auf- recht halten; und die Sinne kontrollierend den regungslosen Blick auf die Stelle zwischen den Augenbrauen fixieren; diese (Haltung), welche ein Türöffner für die Befreiung ist, wird Siddhasana, ‘Vollkommener Sitz’, genannt. vamorupari dakshinam cha charanam samsthapya vamam tatha dakshorupari pashchimena vidhina dhritva karabhyam dridham | angushthau hridaye nidhaya chibukam nasagram alokayed etad vyadhi-vikara-nashana-karam padmasanam prochyate || 12 || 12. Man lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, und den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel; nachdem man die großen Zehen mit rückwärts gekreuzten Armen gut ergriffen hat (und) das Kinn zur Brust gesenkt hat, schaue man auf die Nasen- spitze; dies heißt Padmasana, (gebundene) ‘Lotus-Haltung’, die gegen Krankheiten und geistige und körperliche Störungen wirkt.

Kommentar: In einer zweiten Text-Version mit 100 Sprüchen (Goraksha - Samhita 57 - 59 ?) überlieferte Goraksha noch die Grundgedanken für den ‚Umgekehrten Körper’ (Schulter- oder Kopfstand): In der Region des Nabels existiert eine immer brennende Sonne, und an der Basis des Gaumens befindet sich ein Mond, der voller Unsterblichkeitsnektar ist. Vom Mond träufelt nach unten (Nektar) herab, und die Sonne verschlingt (diesen Nektar) . Darum sollte man eine Methode kennen, mit welcher dieser Nektar zurück gewonnen werden kasnn. - Der Nabel sei oben, der Gaumen sei unten. Diese als umgekehrt bezeichnete Stellung mit dem Sonne(bereich) oben und dem Mond- (bereich) unten wird am besten von einem Meister erlernt.

Chakras

shat-chakram shodashadharam tri-laksham vyoma-panchakam | sva-dehe ye na jananti katham sidhyanti yoginah || 13 || 13. Wie könnten Yogis, welche die Chakras (Zentren), in ihrem eigenen Körper nicht kennen an’ s Ziel kommen ? Gorakhnath zählt hier noch Adharas, Lakshams und Vyomas auf, die aber in diesem Text keine weitere Bedeutung haben. eka-stambham nava-dvaram griham panchadhidaivatam | sva-deham ye na jananti katham sidhyanti yoginah || 14 || 14. Wie könnten die Yogis, die auf ihren eigenen Körper nicht acht- geben, als ein Ein-Säulen-Haus mit neun Türen (unter dem Einfluß von) fünf (betörenden) Göttinnen (panchadhidaivatam), an’s Ziel gelangen ? Die fünf „Gottheiten“ entsprechen den fünf Sinnen - Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. chatur-dalam syad adharah svadhishthanam cha shad-dalam | nabhau dasha-dalam padmam surya-sankhya-dalam hridi || 15 || 15. Adhara (Wurzel) wird durch einen vierblättrige (Lotus) und Sva- dhishthana wird mit einem sechsblättrigen symbolisiert; beim Nabel ist ein zehnblättrige (Lotus) und im Herzen ein zwölfblättrige (Lotus). kanthe syat shodasha-dalam bhru-madhye dvi-dalam tatha | sahasra-dalam akhyatam brahma-randhre maha-pathe || 16 || 16. Ein sechzehnblättriger ist beim Hals und ein zweiblättriger (Lotus) zwischen den Augenbrauen; auf dem großen Pfad (Sushum- na), um die Scheitel-Öffnung, ist ein tausendblättrige (Lotus). adharah prathamam chakram svadhishthanam dvitiyakam | yoni-sthanam dvayor madhye kama-rupam nigadyate || 17 || 17. Adhdra ist das erste Chakra; Svadhishthana das zweite; Yoni- sthana ist zwischen diesen beiden, auch Kamarupa genannt. adharakhyam guda-sthanam pankajam yach chatur-dalam | tan-madhye prochyate yonih kamaksha siddha-vandita || 18 || 18. Die Stelle (Sthana) um den Anus (Guda) wird mit einem vier- blättrige Lotus symbolisiert, der Adhara (Stütze) genannt wird; in dessen Mitte wirkt Yoni, das ‚Dreieck des Verlangens’, dessen (Energie) von den Eingeweihten geschätzt wird. Guda-sthanam ist der Anus. Die Yoni befindet sich also inmitten des Muladhara und wird symbolisiert mit einem Dreieck mit der Spitze nach unten. Kamaksha kann mit ‘Auge der Liebe ’ übersetzt werden.

yoni-madhye maha-lingam pashchimabhimukham sthitam | mastake mani-vad bimbam yo janati sa yoga-vit || 19 || 19. Inmitten der Yoni steht ein großer Linga, zur (Sushumna) gerichtet; wer seinen Lichtkreis - wie um ein leuchtendes Juwel - kennt, der ist ein Yoga-Eingeweihter (Yogavit). tapta-chamikarabhasam tadil-lekheva visphurat | tri-konam tat puram vahner adho medhrat pratishthitam || 20 || 20. Unterhalb des Linga befindet sich (noch) ein dreieckiger Ort des Feuers; leuchtend wie zuckende Blitze und glühendes Gold. yat samadhau param jyotir anantam vishvato-mukham | tasmin drishte maha-yoge yatayatam na vidyate || 21 || 21. Nachdem er gesehen hat, dass das höchste Licht im Samadhi endlos in alle Richtungen scheint, erlebt der Adept keine leidvoll vergängliche Existenz mehr. sva-shabdena bhavet pranah svadhishthanam tad-ashrayah | svadhishthanat padat asman medhram evabhidhiyate || 22 || 22. Das Wort Sva steht für Prana; die Ruhestätte dieser Lebensenergie ist Svadhisthana - denn genau von diesem Ort Svadhishthana kommt (die Kraft der) Sexualität (Medhra). tantuna mani-vat proto yatra kandah sushumnayā | tan nabhi-mandalam chakram prochyate mani-purakam || 23 || 23. In der Region des Nabels, wo Kanda von Sushumna wie ein Juwel von einem Faden durchzogen wird - ist das Energiezentrum Manipuraka (‚Edelsteinflut’). dvadashare maha-cakre punya-papa-vivarjite | tavaj jivo bhramaty eva yavat tattvam na vindati || 24 || 24. Jiva, die individuele Seele, wandert solange umher, bis sie im zwölfspeichigen Energiezentrum (Anahata-Chakra), das frei von Verdienst und Fehler ist, ihre (eigene) Wesenheit findet.

Nadis

urdhvam medhrad adho nabheh kanda-yonih khaganda-vat | tatra nadyah samutpannah sahasranam dvi-saptatih || 25 || 25. Oberhalb des Sexual-Organs und unterhalb des Nabels (ist) der Kanda genannte Ursprung (der Nadis), geformt wie das Ei eines Vogels; dort sind die Ursprünge der zweiundsiebzigtausend Nadis (feinstofflichen Energiebahnen). teshu nadi-sahasreshu dvi-saptatir udahritah | pradhanam prana-vahinyo bhuyas tasu dasha smritah || 26 || 26. Unter diesen Tausenden von Nadis sind zweiundsiebzig als Träger des Prana besonders wichtig; von diesen werden folgende zehn als die wichtigsten benannt. ida cha pingala chaiva sushumna ca tritiyaka | gandhari hasti-jihva cha pusha chaiva yashasvini || 27 || 27. Ida und Pingala, und als dritte Sushumna; Gandhari, Hastijihva, Pusha, Yashasvini. alambusha kuhush chaiva shankhini dashami smrita | etan nadi-mayam chakram jnatavyam yogibhih sada || 28 || 28. Alambusha, Kuhu und als zehnte Shankhini werden als die wichtigsten Nadis gelehrt; die Zentren, zu denen diese Nadis führen, sollten den Yogis gut bekannt sein. ida vame sthita bhage pingala dakshine sthita | sushumna madhya-deshe tu gandhari vama-cakshushi || 29 || 29. Ida (liegt) auf der linken Seite, Pingala auf der rechten Seite (der Wirbelsäule) und dazwischen, in der Mitte, Sushumna; der Ur- sprung dieser ersten drei wird auch im Dreieck des Muladhara lo- kalisiert. Sie sind die hauptsächlichsten Wege des Prana. Gandhari geht zum linken Auge. dakshine hasti-jihva cha pusha karne cha dakshine | yashasvini vama-karne hy anane vapy alambusha || 30 || 30. Hastijihva geht zum rechten (Auge); Pusha geht zum rechten Ohr, und Yashasvini zum linken Ohr; Alambusha leitet zum Mund. kuhush cha linga-deshe tu mula-sthane ca shankhini | evam dvaram samashritya tishthanti dasha nadikah || 31 || 31. Kuhu leitet zum Geschlechtsorgan (Linga) und Shankhini führt zum Mulasthana (Anus); so sind die zehn wichtigsten Nadis (jeweils) mit einer Öffnung (des Körpers) verbunden. ida-pingala-sushumnah prana-marge samashritah | satatam prana-vahinyah soma-suryagni-devatah || 32 || 32. Ida, Pingala und Sushumna sind die Hauptbahnen des Prana und sind miteinander verbunden - sie transportieren fortwährend die Lebensenergie des Prana. (Ihre) vorsitzenden Gottheiten sind der Mond, die Sonne und das Feuer

Vayus

prano'panah samanash chodana-vyanau cha vayavah | nagah kurmo'tha krikaro deva-datto dhanan-jayah || 33 || 33. (Die Vayus, die Lebenswinde, sind): Prana (Atemluft), Apana (Luft des Rektums), Samana (Verdauungsluft), Udana (Luft im Hals), Vyana (Luft, die durch den gesamten Körper zirkuliert), Naga (Luft des Aufstoßen), Kurma (Luft des Blinzelns), Krikara (Luft des Nies- ens), Devadatta (Luft des Gähnens) und Dhananjaya. Die Atem-Winde sind in Wirklichkeit die funktionellen oder lebenswichtigen Kräfte des Körpers, die alle vom Prana, dem Atemsystem, abhängen. Prana wird auch direkt identifiziert mit Jiva, dem ‘Lebensprinzip’, oder der Seele. hridi prano vasen nityam apano guda-mandale | samano nabhi-deshe syad udanah kantha-madhyagah || 34 || 34. Prana wirkt hauptsächlich in der Brust (im Herzbereich), Apana im Bereich des Rektums, Samana im Bereich des Nabels; Udana bewegt sich mitten in der Kehle. vyano vyapi sharire tu pradhanam pancha vayavah | pranadyash chatra vikhyata nagadyah pancha vayavah || 35 || 35. Aber das Vyana durchdringt den (ganzen) Körper - diese fünf sind die Haupt-Vayus; die anderen fünf sind die (Neben-)Vayus, wie Naga usw. udgare naga akhyatah kurma unmilane smritah | krikarah kshuta-krij jneyo deva-datto vijrimbhane || 36 || 36. Man sagt, Naga sei die Luft (die das Aufstoßen bewirkt), Kurma bewirkt das Öffnen der Augen; Krikara verursacht das Niesen und Devadatta das Gähnen. na jahati mritam chapi sarva-vyapi dhanan-jayah | ete sarvasu nadishu bhramante jiva-rupinah || 37 || 37. Dhananjaya durchdringt den ganzen (Körper) und verlässt die- sen auch nicht, wenn er tot ist. Diese (Vayus) zirkulieren durch alle Nadis und bewirken die lebenswichtigen Funktionen. akshipto bhuja-dandena yathocchalati kandukah | pranapana-samakshiptas tatha jivo na tishthati || 38 || 38. Wie ein (hölzerner) Ball, der von einem Handschläger geschlagen wird, wieder aufspringt, so wird Jiva (die Seele) von Prana und Apana (in Bewegung gehalten). pranapana-vasho jivo hy adhash chordhvam cha dhavati | vama-dakshina-margena chanchalatvan na drishyate || 39 || 39. Weil die Seele (Jiva) unter der Kontrolle von Prana und Apana steht, bewegt sie sich auf den linken und rechten Pfaden (Ida und Pingala) auf und ab; wegen der Unruhe wird es nicht (deutlich) wahrgenommen.

Ham - Sah

rajjubaddho yatha shyeno gato'py akrishyate punah | guna-baddhas tatha jivah pranapanena krishyate || 40 || 40. Wie ein Falke, der mit einer Schnur angebunden ist, wenn er weg- fliegt wieder zurückgezogen wird, so wird die mit Prana und Apana hochfliegende Seele (Jiva) von der Naturkraft (Guna) gebunden. apanah karshati pranam prano'panam cha karshati | urdhvadhah samsthitav etau samyojayati yoga-vit || 41 || 41. Apana zieht Prana und Prana zieht Apana abwechselnd nach unten und oben; ein Yoga-Kenner bewirkt die Vereinigung dieser beiden (Lüfte). ha-karena bahir yati sa-karena vishet punah | hamsa-hamsety amum mantram jivo japati sarvada || 42 || 42. Mit dem Klang HA(M) geht das Leben hinaus; mit dem Ton SA tritt es wieder in den Körper ein; Jiva (die Seele) wiederholt ständig dieses Mantra HAMSA HAMSA. shat shatani tv aho-ratre sahasrany eka-vimshatih | etat-sankhyanvitam mantram jivo japati sarvada || 43 || 43. Jiva (das Lebensprinzip) rezitiert ständig dieses Mantra, einund- zwanzigtausendsechshundert Mal an einem Tag und in einer Nacht. ajapa nama gayatri yoginam moksha-dayini | asyah sankalpa-matrena sarva-papaih pramuchyate || 44 || 44. Dieses Ajapa - genannt(e) Gayatri – führt die Yogis zur Befreiung; das einfache (stille) rezitieren (gayatri), befreit von Sünden (Papas). Hamsa, das Hauptmantra des Jiva, ist Gayatri. Hamsa ist das Mantra, das nur aus Ausatmen und Einatmen besteht, nicht aus Stimmgeräuschen. anaya sadrishi vidya anaya sadrisho japah | anaya sadrisham jnanam na bhutam na bhavishyati || 45 || 45. Das Wissen und die Einsicht, das dieser Ajapa-Wiederholung gleicht, ist unvergleichlich. A-japa (Nicht-Murmeln) Gayatri (rhythmische Wiederholen) und seine Wirksamkeit - es gilt als höchste Einsicht. kundalinyah samudbhuta gayatri prana-dharini | prana-vidya maha-vidya yas tam vetti sa yoga-vit || 46 || 46. Das Gayatri ist aus der Kundalini hervorgegangen und erhält Prana (die Lebensenergie); dies ist eine große Kenntnis - wer es weiß, ist ein Eingeweihter (Yogavit).

Kundalini - Shakti

kandordhvam kundali shaktir ashta-dha kundalakritih | brahma-dvara-mukham nityam mukhenachchhadya tishthati || 47 || 47. Im Bereich des Kanda bildet Kundali-Shakti eine achtfache Spule; sie verschließt dort mit ihrem Kopf die Öffnung zum Brahman (Göttlichen). G.W. BRIGGS: Der Eingang zum Brahman ist im unteren Ende der Wirbelsäule. yena dvarena gantavyam brahma-sthanam anamayam | mukhenachchhadya tad dvaram prasupta parameshvari || 48 || 48. Die Göttin (Kundalini) schläft, wobei sie die Öffnung bedeckt, wodurch der Ort Brahmans - frei von Leid - erreichbar wäre. prabuddha vahni-yogena manasa maruta saha | suchi-vad gunam adaya vrajaty urdhvam sushumnaya || 49 || 49. Wird die Kundalini geweckt, indem sie willentlich vermittels des Atems und durch den Kontakt mit dem (inneren) Feuer in Bewegung gesetzt wird, wandert sie wie eine Nadel mit einem Faden durch die Susumna (Energiebahn entlang der Wirbelsäule) nach oben. prasphurad-bhujagakara padma-tantu-nibha shubha | prabuddha vahni-yogena urdhvam sushumnaya || 50 || 50. Wird die Kundalini durch den Kontakt mit dem (inneren) Feuer erweckt, steigt sie wie eine glänzende Schlange, entlang der Su- shumna glückverheißend aufwärts. udghatayet kapatam tu yathā kunchikaya hathat | kundalinya tatha yogi moksha-dvaram prabhedayet || 51 || 51. Wie man eine (verrostete) Tür mit einem Schlüssel und Kraft öffnen kann, so kann der Yogi die Tür zur Befreiung mittels Kunda- lini aufbrechen. kritva samputitau karau dridhataram baddhva tu padmasanam gadham vakshasi sannidhaya chibukam dhyatva cha tat prekshitam | varam varam apanam urdhvam anilam prochcharayet puritam munchan pranam upaiti bodham atulam shakti-prabodhan narah ||52|| 52. Ein Mensch, der einen stabilen Lotussitz eingenommen hat, beide Hände (auf die Beine) legt, das Kinn auf die Brust drückt (Jalandhara-Bandha), die Aufmerksamkeit nach innen lenkt, dabei immer wieder Apana, den unteren Lebenshauch, aufwärts lenkt (Mula-Bandha), und den eingeatmeten Lebenshauch (nachdem er ihn angehalten hat) kontrolliert wieder ausatmet, erlangt durch das Erwachen der göttlichen Energie (Shakti) eine unvergleichliche Einsicht (in seine Wesenheit).

Verhaltensregeln / Ernährung

anganam mardanam kuryach chhrama-jatena varina | katv-amla-lavana-tyagi kshira-bhojanam acharet || 53 || 53. Er sollte seine Gliedmaßen mit dem Schweiß einreiben, der entsteht aus den Anstrengungen (des Pranayama). Er soll bevorzugt Nahrung zu sich nehmen, die mit Milch(produkten) zubereitet ist und verzichte auf zu scharfe, saure und salzige Speisen. Ein Kommentar zum Goraksha-Paddhati besagt, dass durch das Einreiben des Schweißes, der sich aus der Praxis des Pranayama ergibt; die Sekrete des Körpers erhalten bleiben. Wiederum heißt es im Goraksha-Paddhati, dass diese Ernährung dazu beiträgt, Kundalini zu erwecken. Zwei Teile (Viertel) des Magens sollten mit Nahrung gefüllt werden, ein Teil mit Wasser und ein Teil sollte für den Luftstrom leer gelassen werden, bei demjenigen, der Kundalini bewegen will. brahma-chari mitahari tyagi yoga parayanah | abdad urdhvam bhavet siddho natra karya vicharana || 54 || 54. (Er sollte) Enthaltsamkeit pflegen, maßvoll essen, sich im Los- lassen üben und die Yogapraxis sollte das wichtigste sein; dann kann er nach einem Jahr ein Vollkommener sein - daran muss man keinen Zweifel haben. su-snigdham madhuraharam chaturthamsha-vivarjitam | bhujyate sura-samprityai mitaharah sa uchyate || 55 || 55. Milde (ölige), weiche, süße, wohlschmeckende Lebensmittel, können genossen werden, wobei ein Viertel (des Magens) leer bleiben soll; das wird als maßvoll (Mitahara) bezeichnet.

Mudras

kandordhvam kundali shaktir ashta-dha kundalakritih | bandhanaya cha mudhanam yoginam mokshada smrita || 56 || 56. (Im Bereich des) Kanda liegt die Kundalin-Shakti, achtmal geringelt; sie bedeutet für Uneingeweihten Gebundenheit aber für die Yogis ist sie die Spenderin der Befreiung (Moksha). maha-mudram nabho-mudram uddiyanam jalandharam | mula-bandham cha yo vetti sa yogi mukti-bhajanam || 57 || 57. Der Yogi, der Maha-Mudra, Nabho-Mudra, Jalandhara-Bandha und Mula-Bhanda kennt, kennt die Mittel zur Befreiung (Mukti).

Maha-Mudra

shodhanam nadi-jalasya chalanam chandra-suryayoh | rasanam shoshanam chaiva maha-mudrabhidhiyate || 58 || 58. Maha-Mudra (das Große Siegel) bewirkt die Reinigung des Netzwerkes der Nadis, das Harmonisieren von Mond und Sonne, sowie das Austrocknen von Giften. vaksho-nyasta-hanuh prapidya su-chiram yonim cha vamanghrina hastabhyam anudharayan prasaritam padam tatha dakshinam | apurya shvasanena kukshi-yugalam baddhva shanai rechayed esha vyadhi-vinashini su-mahati mudra nrinam kathyate || 59 || 59. Man drücke die linke Ferse gegen den Beckenboden und halte den ausgestreckten rechte Fuß mit den Händen. Nachdem man (den Rumpf gut) mit Atem gefüllt hat, neige beim Anhalten des Atems das Kinn zur Brust - dann sollte man die Luft langsam ausströmen lassen (wobei das Kinn wieder gehoben wird); dies ist das Große Siegel, das Krankheiten bekämpft. chandrangena samabhyasya suryangenabhyaset punah | yavat tulya bhavet sankhya tato mudram visarjayet || 60 || 60. Erst nachdem man es gleich oft mit der linken (chandra) Seite und dann mit der rechten (surya) Seite ausgeführt hat, beende man (Maha-Mudra). na hi pathyam apathyam va rasah sarve’pi nirasah | api muktam visham ghoram piyusham iva jiryati || 61 || 61. (Für den, der Maha-Mudra praktiziert) gibt es weniger ungesunde (Lebensmittel); alle Geschmacksrichtungen, auch normalerweise Ungenießbares und sogar Gifte (in Lebensmittel), wenn es gegessen wird, wird vertragen. kshaya-kushtha-gudavarta-gulmajirna-purogamah | tasya doshah kshayam yanti maha-mudram tu yo’bhyaset || 62 || 62. Krankheiten - wie (Verdaungsstörungen), Verstopfung - werden durch das Praktizieren von Maha-Mudra bekämpft. kathiteyam maha-mudra sarva-siddhi-kari nrinam | gopaniya prayatnena na deya yasya kasya-chit || 63 || 63. Somit wurde Maha-Mudra beschrieben, das zum Erfolg führt; es soll aber nicht beliebig jedem Menschen gezeigt werden - es soll geheim gehalten werden.

Khecari-Mudra

kapala-kuhare jihva pravishta viparitaga | bhruvor antar-gata drishtir mudra bhavati khe-chari || 64 || 64. Indem die Zunge nach hinten in den Nasenrachenraum gedreht und das Visier zwischen den Augenbrauen fixiert wird, wird das Khecari-Mudra durchgeführt. Dies nimmt hier den Platz von Nabho-Mudra nach der Aufstellung von Vers 57 ein. na rogo maranam tasya na nidra na kshudha trisha | na cha murchchha bhavet tasya yo mudram vetti khe-charim || 65 || 65. Die Beherrschung von Khecari-Mudra ist ein Mittel gegen Hunger und Durst, gegen Schlaf und Ohnmacht und gegen Krank- heit und (vorzeitigen) Tod. pidyate na sa shokena lipyate na sa karmana | badhyate na sa kalena yo mudram vetti khe-charim || 66 || 66. Wer Khecari-Mudra beherrscht wird weniger von Beschwerden geplagt, von Folgen (übler) Taten befleckt und vom Tod bedrängt. chittam charati khe yasmaj jihva charati khe gata | tenaiva khechari mudra sarva-siddhair namas-krita || 67 || 67. Chitta (der Geist) konzentriert sich besser in den Raum (zwi- schen den Augenbrauen), wenn sich die Zunge, in die (Vertiefung über dem Hals) bewegt; aus diesem Grund wird das Khecari-Mudra von den Adepten hoch geschätzt. bindu-mulam shariram tu shiras tatra pratishthitah | bhavayanti shariram ya a-pada-tala-mastakam || 68 || 68. Der männliche Same ist die Ursache des Körpers; in diesem (Samen) sind die (feinstofflichen) Kanäle begründet, die den (ganzen) Körper nähren, vom Scheitel bis zur Sohle. khecharya mudritam yena vivaram lambikordhvatah | na tasya ksharate binduh kaminyalingitasya cha || 69 || 69. Wer mit Khecari-Mudra die Öffnung hinter dem weichen Gaumen verschlossen hat, dessen Samen (Bindu) geht nicht verloren, auch wenn er von einer Frau umarmt wird. Die Vorstellung ist, dass die Kraft des Bindu sich durch die Höhlung über dem Hals schlingert und über dem weichen Gaumen absorbiert wird. yavad binduh sthito dehe tavan mrityu-bhayam kutah | yavad baddha nabho-mudra tavad bindur na gachchhati || 70 || 70. Wenn Bindu im Körper bleibt, braucht der Tod nicht gefürchtet werden; solange das Nabho-(Khecari-) Mudra praktiziert wird, geht (die Kraft des) Bindu nicht verloren.

Yoni-Mudra

chalito'pi yada binduh sampraptash cha hutashanam | vrajaty urdhvam hritah shaktya niruddho yoni-mudraya || 71 || 71. Selbst wenn der Bindu (der Samen) vergossen wurde und das Feuer der Yoni (Vagina) erreicht hat, kehrt (seine Kraft) zurück, wenn er kräftig zurückgezogen wird - durch Yoni-Mudra. Hutashanam: das ‘Feuer der Yoni ’. Yoni-Mudra ist im wesentlichen das Zusammen- ziehen des Dammbereiches (Perineum) im Atemrhythmus. sa punar dvi-vidho binduh pandaro lohitas tatha | pandaram shukram ity ahur lohitam tu maha-rajah || 72 || 72. Es gibt es zwei Arten von Bindu (Samen), blassweiß und blutrot; den blassweißen nennt man männlicher Samen, den blutroten weiblichen Samen (Rajas). sindura-drava-sankasham ravi-sthane sthitam rajah | shashi-sthane sthito bindus tayor aikyam su-dur-labham || 73 || 73. Rajas, ähnlich wie zinnoberrot, wird an der Stelle der Sonne (im Nabelbereich)abgesondert, und Bindu wird an der Stelle des Mondes abgesondert - die Harmonisierung dieser beiden ist sehr schwer zu erreichen. binduh shivo rajah shaktir bindur indu rajo ravih | ubhayoh sangamad eva prapyate paramam padam || 74 || 74. Bindu ist Siva, Rajas (ist) Sakti; Bindu ist wie der Mond, Rajas wie die Sonne; wahrlich, durch die Vereinigung dieser beiden erlangt man den höchsten Zustand. vayuna shakti-charena preritam tu maha-rajah | bindunaiti sahaikatvam bhaved divyam vapus tada || 75 || 75. Durch Bewegen der Shakti, mittels Vayu (des Atems und Yoni- Mudra) kann Rajas aktiviert und mit Bindu vereint werden; dann sieht (der Körper) wunderbar aus und wird göttlich. shukram chandrena samyuktam rajah suryena samyutam | tayoh sama-rasaikatvam yo janati sa yoga-vit || 76 || 76. Shukra (Bindu) ist mit dem Mond verbunden, Rajas ist mit der Sonne verbunden; wer weiß, wie man die beiden vereint, ist ein Yogavit (ein Yoga-Eingeweihter).

Maha-Bandha

uddinam kurute yasmad avishrantam maha-khagah | uddiyanam tad eva syan mrityu-matanga-kesari || 77 || 77. Weil der große Vogel (des Atems) unermüdlich in der Lage ist, aufzufliegen, ist dieses Uddiyana (Auffliegen) wie ein Löwe, der den Elefanten (des Todes) fernhält. So wie der Löwe den Elefanten vertreiben kann, so soll Uddiyana den Tod fernhalten. udarat pashchime bhage hy adho nabher nigadyate | uddiyanasya bandho'yam tatra bandho vidhiyate || 78 || 78. Den Bauch um den Nabel nach hinten (ziehen), das wird Verschluss des Auffliegens (oder: Uddiyana-Bandha) genannt; so wird also der Verschluss (Uddiyana-)Bandha ausgeführt. badhnati hi sira-jalam adho-gami shiro-jalam | tato jalandharo bandhah kantha-duhkhaugha-nashanah || 79 || 79. Weil der Jalandhara-Bandha das Netzwerk von Kanälen (der Nadis) schließt und den (lebensspendenden) Nektar daran hindert, vom Kopf herabzuträufeln; daher beseitigt es (auch) Störungen des Rachens. jalandhare krite bandhe kantha-sankocha-lakshane | na piyusham pataty agnau na cha vayuh prakupyati || 80 || 80. Durch Jalandhara-Bandha - gekennzeichnet durch das Schlies- sen der Kehle - wird die Luft ruhig gehalten, und der Nektar fällt nicht ins Feuer (im Nabelbereich). parshni-bhagena sampidya yonim akunchayed gudam | apanam urdhvam akrishya mula-bandho vidhiyate || 81 || 81. Nachdem man den Dammbereich (Yoni) mit einer Ferse gedrückt hat, soll man Gudam (das Rektum) kontrahieren um so Apana nach oben zu ziehen; so wird Mula-Bandha ausgeführt. apana-pranayor aikyat kshayan mutra-purishayoh | yuva bhavati vriddho'pi satatam mula-bandhanat || 82 || 82. Durch viel (Übung) des Mula-Bandha und der dadurch bewirk- ten Vereinigung von Prana und Apana, werden Urin und andere Ausscheidungen verringert - und man verjüngt sich. Ein Kommentar zum Goraksha-Paddhati besagt, dass durch diese Übungen die Kundalini in Bewegung gesetzt wird - dies ist Sakticalani-Mudra.

OM

padmasanam samaruhya sama-kaya-shiro-dharah | nasagra-drishtir ekante japed on-karam avyayam || 83 || 83. An einem abgelegenen Ort nehme die Lotus-Haltung ein, mit aufrechtem Körper und Kopf und fixiere das Visier auf die Nasen- spitze; danach wiederhole den unvergänglichen Laut OM (Omkara). bhur bhuvah svar ime lokah soma-suryagni-devatah | yasya matrasu tishthanti tat param jyotir om iti || 84 || 84. Das höchste Licht ist im OM, in dessen (drei) Silben die (Kräfte) von Erde, Luft und Himmel (bhur, bhuvah und svar) und die (Kräfte der drei) Götter von Mond, Sonne und Feuer existieren. Das Mantra OM ist mit vielen phantastischen Vorstellungen verbunden. trayah kalas trayo vedas trayo lokas trayah svarah | trayo devah sthita yatra tat param jyotir om iti || 85 || 85. Die (Kräfte) der drei Zeiten, der drei Veden, der drei Welten, der drei (vedischen) Akzente und die der drei Götter, befinden sich im OM–Klang - und das höchste Licht. Diese Verse beschreiben Dreiergruppen, um alle Kräfte im OM einzuschließen. Drei Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft; drei Arten von Wissen, drei Welten, drei Götter. kriya chechchha tatha jnanam brahmi raudri cha vaishnavi | tridha shaktih sthita yatra tat param jyotir om iti || 86 || 86. Die drei Kräfte (Shakti) von Handeln, Wunsch und Wissen und Energienvon BRAHMA, RUDRA und VISHNU, sind enthalten im OM - und das höchste Licht. akarash cha tathokaro makaro bindu-samjnakah | tisro matrah sthita yatra tat param jyotir om iti || 87 || 87. OM (ist der Klang) in dem die drei Laute A, U und M enthalten sind und das Bindu als Zeichen – und das höchste Licht. vachasa taj jayed bijam vapusha tat samabhyaset | manasa tat smaren nityam tat param jyotir om iti || 88 || 88. Mit guter Körper(-Haltung) übe das Wiederholen der Silbe OM mit der Stimme - und nehme sie mit dem Geist wahr - und darin das höchste Licht. Diese Rezitation sollte Körper und Geist umfassend durchgeführt werden. Wasser durchdringt nicht das Lotusblatt; so haftet die Sünde nicht an dem, der OM rezitiert. shucir vapy ashucir vapi yo japet pranavam sada | lipyate na sa papena padma-pattram ivambhasa || 89 || 89. Er, der ständig OM rezitiert, gleich ob er sonst rein oder unrein ist – er bleibt von Sünde unbefleckt, wie die Blüte des Lotus im schmutzigen Wasser unbefleckt bleibt.

Kumbhaka

chale vate chalo bindur nishchale nishchalo bhavet | yogi sthanutvam apnoti tato vayum nirodhayet || 90 || 90. Solange sich die Luft unruhig bewegt, bewegt sich auch Bindu (der Samen); (wenn sich die Luft nicht mehr unruhig bewegt) beru- higt sich auch Bindu - der Yogi sollte daher die Luft kontrollieren (und) Ruhe erreichen. Bzw. Unbeweglichkeit - Gleichmütigkeit gegenüber Hitze und Kälte usw. yavad vayuh sthito dehe tavaj jivo na muchyate | maranam tasya nishkrantis tato vayum nirodhayet || 91 || 91. Solange Atem im Körper ist, geht Jiva (das Leben) nicht weg; sein Abgang ist der Tod - daher sollte man es beherrschen, den Atem zurückzuhalten. yavad baddho marud dehe yavach chittam niramayam | yavad drishtir bhruvor madhye tavat kala-bhayam kutah || 92 || 92. Solange Atem im Körper gebunden (baddha) wird, so lange das Bewusstsein (Chitta) still ist, solange der Blick zwischen den Augen- brauen fixiert bleibt, solange braucht man den Tod nicht zu fürchten. Mit ‘baddha’ ist ‚Kumbakha’ gemeint – bei dem der Geist ruhig konzentriert ist. atah kala-bhayad brahma pranayama-parayanah | yogino munayash chaiva tato vayum nirodhayet || 93 || 93. Aus Angst vor dem Tod widmete sich selbst BRAHMA dem Pranayama; ebenso wie Yogis und Weise - deshalb sollte man das Atemanhalten (nirodhayet) praktizieren. shat-trimshad-angulo hamsah prayanam kurute bahih | vama-dakshina-margena tatah prano'bhidhiyate || 94 || 94. Der Atem (Hamsah) oder Prana geht (bis zu) einem Abstand von sechsunddreißig Fingerbreiten durch das linke und rechte Nasenloch nach außen. Hamsah ist der Atem, der mit befeuchteten Fingern bis 36 Fingerbreiten vorm Gesicht entfernt zu spüren ist. Nach Gheranda-Samhita V, 86 - 88, sind die Entfernungsgrade wie folgt: “Natürlich - 12 Finger (ca. 20 cm); Gehen - 24 Finger; Schlafend - 30 Finger; Essen - zwanzig Finger; Singen - 16 Finger; beim Sex - sechsunddreißig Finger ... durch Verminderung der Länge des Ausatmungsstromes wird das Leben verlängert.” shuddhim eti yada sarvam nadi-chakram malakulam | tadaiva jayate yogi prana-sangrahane kshamah || 95 || 95. Wenn das Netzwerk der Nadis (feinstofflichen Energiebahnen), die meist voller Unreinheiten sind, gereinigt ist, ist der Yogi in der Lage, das Prana optimal zurück zu halten.

Surya-Chandra - Pranayama

baddha-padmasano yogi pranam chandrena purayet | dharayitva yatha-shakti bhuyah suryena rechayet || 43 || 96. Der Yogi, der den Lotossitz eingenommen hat, sollte durch das linke Nasenloch einatmen; dann, nachdem er so lange wie möglich angehalten hat, sollte er durch das rechte Nasenloch ausatmen. amritam dadhi-sankasham go-kshira-rajatopamam | dhyatva chandramaso bimbam pranayami sukhi bhavet || 97 || 97. Wenn der Atemregulierung Praktizierende über das (visualisierte) Abbild des Mondes und seinen milchigen Nektar, meditiert - bringt ihm das Glück. dakshino shvasam akrishya purayed udaram shanaih | kumbhayitva vidhanena purash chandrena recayet || 98 || 98. Dann ziehe man den Atem durch das rechte Nasenloch ein und fülle langsam den Bauch; nachdem der Atem nach den Regeln angehalten wurde, atme langsam durch das linke Nasenloch aus. prajvalaj-jvalana-jvala-punjam aditya-mandalam | dhyatva nabhi-sthitam yogi pranayami sukhi bhavet || 99 || 99. Wenn der Yogi, der Pranayama praktiziert, auch über den (erwärmenden) Sonnenkreis beim Nabel meditiert hat, bringt ihm das Glück. pranam ched idaya pibet parimitam bhuyo’nyaya rechayet pitva pingalaya samiranam atho baddhva tyajed vamaya | surya-chandramasor anena vidhina bimba-dvayam dhyayatah shuddha nadi-gana bhavanti yamino masa-trayad urdhvatah || 100 || 100. Der (Yogi) soll den Atem durch das linke Nasenloch einsaugen und nachdem er ihn, entsprechend seiner Grenze, angehalten hat, soll er ihn durch das andere ausatmen. Dabei meditiere er über die Bilder von Mond und Sonne. Dann wird der Atem durch das rechte Nasenloch eingesaugt, und nachdem er ihn wieder ange- halten hat, sollte er ihn durch das linke Nasenloch ausstoßen. Nach 3 Monaten werden die Nadis des Praktizierenden gereinigt sein. Die Atmung sollte mit jedem Nasenloch gleich oft erfolgen. - Dieser Prozess des Atmens ist das Hauptmittel zur Fein-Reinigung der Nadis. Interessanterweise wird dazu keine Handhaltung erwähnt. Dieses Pranayama wird auch direkt auf die Begriffsbezeichnung von – Hatha-Yoga bezogen - die Vereinigung von Sonne und Mond. yatheshtam dharanam vayor analasya pradipanam | nadabhivyaktir arogyam jayate nadi-shodhanat || 101 || 101. Durch die Reinigung der Nadis kann man den Atem nach Belieben anhalten, das Verdaungsfeuer wird entfacht, der innere Klang wird gehört (und) gute Gesundheit stellt sich ein.

iti goraksha-shatakam sampūrnam || So enden GORAKSHA’s hundert Sprüche.

Mahaleo Dantananda 2018